Humanoide Robotik Teil 2: Spielen humanoide Roboter bald eine Rolle in der Intralogistik?
In Kooperation mit dem Fachmagazin Automation Next – Chefredakteur Philip Bittermann
Wie humanoide Roboter die Lagerhallen von morgen revolutionieren (könnten)
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Der globale Markt für humanoide Roboter befindet sich in einer explosiven Wachstumsphase. Laut Fortune Business Insights soll der Marktwert von 3,28 Mrd. US-Dollar im Jahr 2024 auf prognostizierte 66 Mrd. US-Dollar bis 2032 ansteigen. Dieser Boom entsteht durch die Kombination gleich mehrerer Faktoren: Fortschritte bei Künstlicher Intelligenz, Sensorik und Antriebstechnik treffen auf einen sich verschärfenden Fachkräftemangel und steigende Lohnkosten.
Der wohl größte Vorteil gegenüber bisherigen Robotern ist die hohe Flexibilität humanoider Modelle. Und die macht sie auch besonders interessant für die Intralogistik. Denn anders als klassische Automatisierungslösungen können sie in bestehenden, für Menschen ausgelegten Lagerstrukturen arbeiten – ohne aufwendigen Umbau der Hallen.
Erste Praxiseinsätze: Von der Testphase zur Realität
Und das sind keine theoretischen Überlegungen, die Technologie hat bereits die Labore verlassen: Der US-amerikanische Kontraktlogistikdienstleister GXO Logistics setzt verschiedene humanoide Roboter in seinen Logistikzentren ein. Der zweibeinige Roboter Digit von Agility Robotics trägt beispielsweise Kisten mit Damenmode von Spanx in einem Warehouse nahe Atlanta vom Transportroboter zur Fördertechnik.
GXO arbeitet zudem mit dem humanoiden Roboter Apollo von Apptronik zusammen und testet den Reflex-Roboter, der sich durch seine Fähigkeit auszeichnet, verschiedene Aufgaben autonom zu übernehmen und durch Beobachtung menschlicher Arbeitsvorgänge kontinuierlich dazuzulernen.
Auch in der Automobilindustrie, die oft als Vorreiter für Automatisierungstrends gilt, werden humanoide Roboter erprobt. So testet BMW Systeme zum Einlegen von Blechteilen, während Mercedes-Benz mit dem Apollo-Roboter experimentiert.
Die typischen Einsatzgebiete in der Intralogistik
IDTechEx prognostiziert, dass die Logistik- und Lagerhaltungsbranche der zweitgrößte Anwendungsbereich für humanoide Roboter sein wird – direkt nach der Automobilindustrie.
Aber welche Aufgaben übernehmen die Roboter nun künftig genau?
- Materialtransport: Humanoide können Behälter, Kartons und Pakete zwischen verschiedenen Stationen transportieren – eine der ersten kommerziell umgesetzten Anwendungen.
- Kommissionierung: Das Entnehmen von Artikeln aus Regalen und Behältern ist eine typische Aufgabe, die bereits in Pilotprojekten erprobt wird.
- Verpackung und Palettierung: Das Verpacken von Waren und das Stapeln auf Paletten gehören zu den Tätigkeiten, die humanoide Roboter perspektivisch übernehmen können.
- Qualitätskontrolle: Durch ihre fortgeschrittene Sensorik können Humanoide auch Inspektionsaufgaben in schwer zugänglichen Bereichen durchführen
Die Herausforderungen: Was noch fehlt
Trotz aller Fortschritte gibt es noch immer Hürden, die es zu überwinden gilt. Dazu gehören technische Herausforderungen wie die Balance und Mobilität auf unebenem Untergrund, feinmotorische Fähigkeiten für den Umgang mit empfindlichen Objekten sowie der aktuell noch hohe Trainingsaufwand für neue Aufgaben.
Hinzu kommen wirtschaftliche Faktoren: Während die ersten Modelle 2025 bei durchschnittlich 80.000 US-Dollar liegen, erwarten Experten zwar einen Rückgang auf etwa 55.000 US-Dollar bis 2030 – aber auch dieser Preis kann vor allem für kleinere Unternehmen zur Hürde werden. Auch, weil humanoide Roboter im Wettbewerb mit traditioneller Automatisierung stehen und hohe industrielle Anforderungen erfüllen müssen – von Zykluszeiten über Energieverbrauch bis zu Wartungskosten.
Und nicht zuletzt wäre da das Thema Standards und Sicherheit: Die International Federation of Robotics betont, dass Robotersysteme gemäß ISO-Sicherheitsstandards und klar definierter Haftungsrahmen konzipiert werden müssen. Denn mit der KI-gesteuerten Autonomie verändert sich die Sicherheitslandschaft grundlegend.
Humanoide vs. mobile Roboter: Koexistenz statt Verdrängung
Eine wichtige Erkenntnis: Humanoide Roboter werden klassische Lösungen nicht vollständig ersetzen, viel mehr wird es wohl auf einen Verbund mit klassischen Industrierobotern, Cobots, AMRs und anderen Systemen hinauslaufen. So sind mobile Roboter mit Greifarm für viele Anwendungen (noch) schlicht das ausgereiftere Konzept.
Fazit: Eine schrittweise Revolution
Die Frage, ob humanoide Roboter bald eine Rolle in der Intralogistik spielen werden, lässt sich also mit einem klaren “Ja, aber…” beantworten: Die Technologie hat zweifellos das Prototypenstadium verlassen, und erste kommerzielle Einsätze finden bereits statt. Die regelrecht explosiven Marktwachstumsprognosen und massiven Investitionen führender Unternehmen unterstreichen das enorme Potenzial.
Dennoch: Der breite Durchbruch wird wohl schrittweise erfolgen und so werden humanoide Roboter in den kommenden Jahren zunächst spezifische Aufgaben in klar definierten Bereichen übernehmen – vor allem dort, wo ihre Flexibilität und Anpassungsfähigkeit an menschengemachte Umgebungen einen echten Mehrwert bieten und sie monotone oder körperlich belastende Tätigkeiten übernehmen können, während eine vollständige Automatisierung noch nicht realisierbar ist.